Vergessen und Verdrängen

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Freitag, 15. März 2013

Es war mir seit langem bekannt, ein forschender Märchenonkel der Universität Zürich, bei dem ich Anfang der Siebziger wegen des Ablebens meines Oberlehrers notgedrungen den Abschluß meiner Lehrzeit absolviert habe, hat es mir seinerzeit erzählt. Doch es war im Lauf der Zeit auf meiner oberen Festplatte ins Hinterstübchen geraten, da mich diese Art Volksgut nie sonderlich interessierte. Meinen Pornographiebedarf deckte ich bei Mirabeau, dem französischen Revolutionär, mit dem ich ohnehin ständig zu tun hatte, war es doch eine andere Aufklärung als die Oswald Kolles, die ich studientechnisch verfolgte.

Bei ‹Capriccio›, dem von mir seit seinem Bestehen überaus geschätzten Fernsehfeuilleton des Bayerischen Rundfunks, wurde ich gestern mal wieder daran erinnert, wie die Alte Welt wirklich war. Bevor die Gebrüder Grimm das in die Mangel der Moral nahmen, was die Leute untereinander austauschten, bumste der prinzgewordene Frosch mit der Prinzessin, überhaupt gab es reichlich von dem, was man heute gemeinhin als Porno bezeichnet. Der Geschlechtsakt als solcher wurde in diesen kleinen Mythologien gleich Überlieferungen häufig detailliert beschrieben. Wie auch Vergewaltigungen und einige Schlimmheiten mehr. Das war seinerzeit an der Erzählordnung. Aber die Grimms haben daraus etwas herausformuliert und zu deutschen Märchen umgeschrieben, das häufig aus dem Land des Liebe-Machens kommend die Grenze überschritten hat, dem Ganzen im romantischen Sinn jedwede Lust geraubt. Und so steht es moralinsauer in den Regalen und ist als reformierte oder auch reformatorische Volksbildung nicht totzukriegen.

Capriccio

Lauras Erziehung, verfaßt zwischen 1777 und 1781, vorangestellt hatte der Comte de Mirabeau*:
Zieht euch zurück, ihr eifernden Zensoren,
Schließt, Frömmler, Moralisten, Narren, eure Ohren!
Nicht sollt ihr eifernden Megären mit uns rechten,
Hinweg mit euch, ihr Stolzen, Selbstgerechten,
denn dieser Blätter süße Heimlichkeit
ist nie und nimmer euch geweiht.
*Honoré Gabriel Graf von MIRABEAU — AUSGEWÄHLTE SCHRIFTEN — Herausgeberin und Übersetzerin Dr. Johanna Fürstauer, Merlin-Verlag: 2 Bände, 596 u. 702 S. Lw. EUR 24,50
ISBN 3-87536-016-8

«Seine wohlhabende Frau zwang der heißblütige junge Graf gegen ihren Willen zur Ehe, indem er sie kompromittierte. Als er wenig später wegen seiner Verschwendungssucht und seiner Ausschweifungen inhaftiert wurde, verliebte er sich in die Gattin des Gefängniskommandanten und entführte sie ins Ausland. Dort ernährte er sich von der Abfassung pornographischer Schriften und der Veröffentlichung unerschrockener politischer Pamphlete. Die 2-bändige Dünndruckausgabe bietet eine repräsentative Auswahl dieser Texte.»

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