Vergessen und Verdrängen

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Sonntag, 16. Juni 2013

Berlin ist zu groß für Berlin, betitelt der nicht nur filmische, sondern eben auch literarische Flâneur Hans Zischler sein neues Buch. 1968 kam er an auf der Insel des Westens inmitten des ozeanischen Ostens. Es sei ein Grau gewesen am Savigyplatz, das er aus dem Süden, gemeint ist damit Franken, wenn auch nicht das linksrheinische, nicht kannte. Als ich etwas später von Spandau («Berlin bei Spandau» pflegten viele Busfahrer beim Grenzübertritt zu verkünden) aus nach Charlottenburg einwanderte, erlebte ich es als ein äußerst lebhaftes Dorf, mit dem Stein-Platz als Ortsmitte, in dem gerade die Revolution in den Lauf gekommen war. Mir kam es so manches Mal wie eine kleine Weltreise vor, fuhren wir nach Lübars zum bäuerlichen Kaffee-und-Kuchen-Klatsch in den Norden. Von dort aus in den Süden der Insel waren es neunzig Kilometer, eine jeweils nicht endenwollende Fahrt. Das erfüllte nahezu alle Berliner, die seinerzeit überwiegend aus Schlesien emigriert worden waren, mit Stolz. Auch mir war längst klar geworden: Berlin ist zu groß für Berlin.

1973 habe ich, der ich zum Ende meiner Insulanerschaft hin fast jede Woche im Flugzeug saß, um dieser zu großen Enge zu entfliehen, nach etwa zehn Jahren endgültig das Weite gesucht. Bald zwanzig Jahre habe ich die aus lauter Dörfern bestehende Stadt gemieden. Erst nach der Öffnung habe ich die Grenze, die angeblich keine mehr sein sollte, unter enormem Angstherzklopfen überschritten, da ich hinter jeder Ecke einen Vopo mit aufgepflanztem Bajonett sah. Und nach drüben wollte ich endlich auch.
Jahr(zehnt)elang war man der Kosten wegen (geil hatte damals noch eine ganz andere Bedeutung als Geiz; auf letzteres hatten wir keine Lust) via DDR gen Skandinavien gereist, um sich mithilfe einiger zwischen den Rücksitzen versteckten Flaschen GaBiKo (das steht nicht etwa für ein Internetforum oder eine Firma aus dem schweizerischen Zug, sondern schlicht für Ganz Billiger Korn) aus den auch damals schon real existierenden, ganz unten angesiedelten Sortimentern zwei Wochen lang gemeinsam mit den Numminens oder Kaurismäkis dem Land die tausend Seen leerzusaufen. Startrampe war für uns Berliner jedweder Herkunft Saßnitz, ganz oben auf Rügen gelegen. Und um dort hinzugelangen, mußte man eben durch die DDR. Aber Abweichlertum wurde so heftig geahndet, wie man es vom ostdeutschen Büttel der sowjetischen Kommunismusinter-pretatoren gewohnt war. Wegen Spionage, am Ende gar für den kapitalistischen Westen, in Bautzen gezüchtigt zu werden, das wollte man dann doch lieber nicht riskieren. Also blieb man vorsichtshalber auf der sogenannten Transitstrecke, bloß keine Reifenbreite vom für Wessis mit Westgeld planierten Trampelpfad runter! Doch als die Schlagbäume hochgegangen waren, da war kein (An-)Halten mehr. Endlich mal rechts oder links rausdürfen, ohne gleich wegen politischer Umtriebe weggesperrt zu werden, nur weil man sein Wasser mal an einem anderen Baum abschlagen wollte. Endlich mal durch die schier endlosen Kohlfelder streifen dürfen und den Myriaden von Faltern dabei zuschauen, wie sie im Vorfeld so eine Ostjahresproduktion Sauerkraut wegfressen.
Ich habe die schier unendlichen Weiten des Ostens also noch kennengelernt. Wir nutzen zu dieser Zeit die Straßenkarten von 1939, die Aldi ausgegraben und rasch in ihre Märkte geworfen hatte – wir hatten ja sonst nichts –, und mit deren Hilfe landeten wir auch schonmal auf anderen Inseln, etwa dieser auf Rügen, wo die Straßen der Vorkriegszeit keine mehr waren und als mit Sand überstreuter, wohlweislich panzersicher betonierter Sackgasse endeten, einmündeten in den Standort eines verlorenen, geistig mit den Geschehnissen nicht so recht klarkommeden Häufleins von leicht Unterentwickelten; man hatte sie sich einfach selbst überlassen. Der freiheitliche Westen würde es schon richten, war wohl die Devise.

Aber allüberall blitzte bereits die Zukunft auf. Nicht nur im ohnehin zu großen, immer schon irgendwie größenwahnsinnigen Berlin, zu dem Hans Zischler nun einen Essay vorgelegt hat. Im Gespräch mit Thea Dorn in Literatur im Foyer auf 3sat meinte der kürzlich beispielsweise zum für die Metropole der Möchtegerns wohl typischen oder auch symptomatischen Großflughafen, dieser sei eigentlich nicht relevant. Man solle sich doch eher mal um die Schienen kümmern, die beinahe seit je Verbindung der Insel zum Festland gewesen seien. Aber so kann auch nur einer reden, der mit der Bahn, zu Fuß und mit dem Fahrrad flaniert.

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