Vergessen und Verdrängen

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Donnerstag, 25. April 2013


«Raus aus der Müsli-Ecke», titelte die Süddeutsche Zeitung, die sich dieser Tage aus einem Uraltpapierstapel heraus bezüglich des fairen Handelns zu Wort meldete, auf ihrer ‹Panorama›-Seite, die bekanntlich ‹Das Letzte› vermittelt: Mord, Totschlag und Prominente, die andere Prominente und/oder deren Hausangestellte massakrieren und so weiter.

Prominente oder solche, die es gerne sein möchten, also diejenigen, die zu Vernissagen von prominenten Künstlern, zu filmischen Stolpereien auf roten Teppichen, zu Lesungen von prominenten Literaten oder Philosophen in irgendwelchen prominenten Literaturhäusern oder Filmstudios, zu prominenten Tenören oder Sopranistinnen in teilweise eigens für sie erbauten und somit prominent gewordenen Festspielhäusern pilgern, die bei Kochgeflüster (neukanzlei-deutsch: Convivien — Runden der edlen Ritter der entschleunigt tafelnden Ritter) mit zeitverzögertem Speisen den silberen Löffel rumreichen, sie alle retten ja bekanntlich mittlerweile die Welt; sie verbessern außerdem das Klima. Die neueste Bewegung unter den etwas Besserverdienenden nahe der metropolischen Börsen: Zwei Kaffee bezahlen, aber nur einen trinken. Der andere ist für Bedürftige, die beim Zocken ums Leben nicht soviel Glück hatten. Und dann ist in letzter Zeit zunehmend ein weiteres Glied der Rettungs(lichter)kette im Gespräch: die Tafelrunden der Ärmsten der Armen. «Hier werden Sie geholfen», predigte einst die schöne Verona Pooth geborene Feldbusch geschiedene Bohlen zu Hamburg und erhielt eine üppige Gage dafür, von der mir allerdings nicht bekannt ist, ob sie sie den Obdachlosen gespendet hat, wie das etwa ein schwäbisch-münchnerischer Fabrikant von Fußballwürstchen gerne tut, genauer: deren einheimischem Branchenblatt.

Den Gipfel auf dem Olymp der Wohltätigkeit, wie mir eine Reportage aus dem öffentlich-rechtlichen Gesellschaftsumerziehungsfernsehen dieser Tage vermittelte, haben einige derer erklommen, die fast ehrfürchtig als hart arbeitende Millionäre bezeichnet wurden. Sie haben neun Tage als Obdachlose gelebt. Allesamt haben sie sich, so der Tenor des Beitrages, in ihrer Rolle nicht nur behauptet, sondern ihre Situationen glänzend gemeistert, haben ihre unternehmerischen Kreativkräfte gebündelt, wie das eben nur diejenigen zu tun vermögen, die es kraft ihrer Arbeitskraft und ihres eisernen Willens vermögen. Beispielhaft eben. Die Menschheit benötigt Vorbilder.


*‹Arme Ritter›, eine in Teig ausgebackende Apfelscheibe, war einmal, wie auch Hering oder Lachs, ein Abendmahl für diejenigen, die sich nichts anderes leisten konnten.

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